Dominik Wörner

press echo

"Die tiefe Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt der Zeit, die gründliche Einarbeitung in das Werk Lassos spiegelte das klangliche Resultat des Konzerts beeindruckend wider. Mit einer Überfülle dynamischer Abstufungen arbeiteten die Sänger die jeweiligen Wortbedeutungen plastisch heraus und fanden dabei genau den richtigen Mittelweg zwischen Klangfülle und Transparenz, zwischen Sinnlichkeit und Askese, um die Vokalpolyphonie der Renaissance in all ihrer einfallsreichen Farbigkeit erstrahlen zu lassen ... große Gesangskultur" (SZ)

"Jesu dulcis memoria" stiftet Entzücken

Musik von Dietrich Buxtehude in herrlicher Wiedergabe am Sonntagnachmittag beim Kirchheimer Konzertwinter

Rheinpfalz vom 17. Januar 2007

In Äußerungen schwärmerischen Entzückens auszubrechen, war nach dem "Jesu dulcis memoria" überschriebenen Konzert des Kirchheimer Konzertwinters am Sonntagnachmittag nicht schwer: Peter Kooij, international renommierter Spezialist für Alte Musik, und seine Ensembles Sette Voci und De Profundis - drei Sänger, vier Streicher, ein Organist - boten reiche zwei Stunden mit Musik des vor 300 Jahren gestorbenen Dietrich Buxtehude - in einer Interpretation, die keine Wünsche übrig ließ, die kaum ausbalancierter, klangschöner und sinnvoller gedacht werden könnte.
Wenig ist aus Buxtehudes Leben überliefert: Vor 370 Jahren soll er in Dänemark geboren sein; seit 1668 war er Organist an der Lübecker Marienkirche. Er veranstaltete in der Hansestadt außerdem die "Abendmusiken". Der 20-jährige Johann Sebastian Bach pilgerte zu Fuß von Arnstadt nach Lübeck, um "dasselbst ein und anderes von seiner Kunst zu begreiffen".
Solokantaten oder geistliche Konzerte von Buxtehude, die in der musikalischen Form recht unterschiedlich gehalten sind und noch ohne das später bei Bach übliche Rezitativ auskommen, machten die Hauptsache des Programms aus, ergänzt durch ein Orgelstück und eine Triosonate. Die Zusammenstellung war einheitlich genug, die musikalische Persönlichkeit Buxtehudes erkennbar werden zu lassen, und abwechslungsreich genug, dass keine Langeweile aufkam.

Wörner agiert klug und umsichtig

Die "sieben Stimmen" des Vokalensembles waren tatsächlich drei: die beiden Sopranistinnen Hana Blažíková aus Prag und Andrea Lauren Brown aus den USA, dazu der künstlerische Leiter der Konzertreihe, Dominik Wörner, als Bass. Die beiden Sopranistinnen verfügen über ein ähnliches Stimmtimbre, was ihren Duogesang zu einer herrlichen Einheit verschmelzen ließ, wobei Blažíková der eher elegische, Brown ein eher heiterer Ausdruck liegt. Dies gab dem Vortrag Farbe, ohne die Einheitlichkeit zu sprengen. Manchmal setzt Buxtehude die beiden Frauenstimmen als Partner kontrastierend dem Bass gegenüber, manchmal führt er die drei Stimmen unabhängig voneinander. Wörner war in jedem Fall ein sicher und klug agierender Sänger, der sonore Gravität ebenso klingen ließ wie schlanke Eleganz.
Vorzüglich auch die Instrumentalisten von "De Profundis"; Francois Fernandez, Sayuri Yamagata, Mieneke van der Velden und Hans Koch strichen Violen verschiedener und wechselnder Größe. Es erwies sich einmal mehr, dass diese nach Mustern der damaligen Zeit gebauten Instrumente sich klanglich viel besser dem Sologesang anschmiegen als ihre modernen Nachkommen. Koch spielte mit dem Organisten Andreas Gräsle den Generalbass; Peter Kooij hielt das Ensemble mit sparsamen, jedoch auf faszinierende Weise den pulsierenden Rhythmus visualisierenden Gebärden auf das Präziseste zusammen.
Es ist hier nicht der Raum, auf die zehn Stücke des Programms detailliert einzugehen. Schauen wir in das erste hinein, "Je höher du bist", BuxWV 25, das alle Mitwirkenden vereinte. Ein Schriftwort rahmt nach einer vom ersten Takt an packend gespielten Instrumentalsonate als Kehrvers ein gereimtes moralisches Liedchen über ein Hauptthema des 17. Jahrhunderts, die menschliche Eitelkeit. Die Sonate wurde ungemein lebendig vorgeführt. Wörner setzt den Kehrvers mit sonorer Stimmpracht an, die beiden Frauen treten homogen hinzu. Schwere Bedeutsamkeit gibt Buxtehude diesem Teil mit und nimmt den Affekt dann zurück. Der Reihe nach tragen die Solisten jetzt die einfache, dem natürlichen Sprachduktus folgende Melodie vor, um sich schließlich im letzten Abschnitt zum kunstvollen Konzertieren zu vereinigen, bevor abermals der Kehrvers den Schlusspunkt setzt.

Spannende Kantate

Richtig spannend war die Kantate über den lateinischen Psalm "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt mein Seele, o Gott, nach Dir" in der Form ein Ciaccona. 64 Mal erklingt ein immer wiederkehrendes Motiv, das den sprudelnden Quell symbolisiert, als Fundament des glänzend austarierten musikalischen Geschehens.
Glänzend war auch die Wiedergabe der Triosonate op 1,6, eine überraschende Fülle kurzer, abrupt wechselnder Abschnitte im damaligen "Stylus phantasticus". Derartiges wirkt auf den heutigen Hörer oft wirr und unzusammenhängend; "De Profundis" glückte es indes, das Publikum auch hier in seinen Bann zu ziehen. Die oft schwierigen Neueinsätze kamen gestochen scharf.
Wunderbar war stets die Richtigkeit des Vortrags, die sich darin bewies, dass sie Buxtehudes Musik unmittelbar einleuchtend und nachvollziehbar machte. Ein belebtes Pulsieren innerhalb der Takte war der kleinste Baustein, aus dem Kooijs Künstler durchdachte Architekturen in sinnerschließender Gesamtspannung aufbauten.
Kaum hätte die Zahl der Musiker einerseits und die Zahl der Zuhörer sowie die Größe des Konzertraums andererseits besser aufeinander passen können: Man vernahm jedes Detail mit größter Klarheit. Nach zwei Stunden war der Hörer fast erschöpft - und genoss doch noch gerne die Zugabe eines wunderschön kolorierten "In dulci jubilo".

Roland Happersberger

Hingebungsvoll

Peter Kooij und seine Ensembles mit Musik von Dietrich Buxtehude in der Cannstatter Stadtkirche

Esslinger Zeitung / Cannstatter Zeitung vom 15. Januar 2007

Stuttgart - Im Herbst 1705 trat der 20-jährige Johann Sebastian Bach seine Reise nach Lübeck an, um den "berühmten Organisten an der Marienkirche Dietrich Buxtehude zu behorchen". Von Buxtehude hat Bach auf dem Gebiet der Orgel- und der Vokalmusik viel gelernt, sein musikalischer Weg wäre ohne den direkten Kontakt anders verlaufen.
Dietrich Buxtehude starb vor 300 Jahren - am 9. Mai 1707. Dem Mozartjahr folgt 2007 also das Buxtehudejahr. Die Aufmerksamkeit für sein Maßstäbe setzendes kompositorisches Schaffen dürfte allerdings weitaus geringer ausfallen. Umso verdienstvoller erscheint die Initiative der Cannstatter Konzertreihe "Musik am 13.", gleich ihren ersten Termin des Jahres dem Jubilar zu widmen. In die Cannstatter Stadtkirche eingeladen hatte man mit Peter Kooij einen erfahrenen Interpreten, der als Gesangssolist vorwiegend Alter Musik hervorgetreten ist. Im Jahr 2001 hat er dem von ihm bereits 1999 ins Leben gerufenen Instrumentalensemble "De Profundis" das Vokalistenensemble "Sette Voci" zur Seite gestellt. Mit diesen beiden Ensembles brachte Kooij in Cannstatt acht Kantaten aus Buxtehudes umfangreichem Schaffen zur Aufführung. Trotz der unterschiedlichen Timbres der beiden Sopranistinnen Hana Blazikova und Andrea Brown verschmolzen ihre Stimmen zusammen mit der des Bassisten Dominik Wörner etwa in "Cantate Domino" zu einer ausgewogenen Balance. Auch solistisch gefiel in der Bass-Kantate "Jubilate Domino" der weite Ausdrucksgestus Dominik Wörners, wie auch Hana Blazikova in der Sopran-Kantate "Herr, wenn ich nur dich habe" mit ihrer geradlinigen Stimmführung und ihrer textintensiven musikalischen Gestaltungsweise nachhaltig überzeugen konnte. Andrea Brown und Dominik Wörner duettierten in der Dialog-Kantate "Wo ist doch mein Freund geblieben" mit stimmlicher und ausdrucksreich formulierter Hingabe.
Wenn hin und wieder die interpretatorischen Anforderungen unerfüllt blieben, so lag dies - instrumental wie vokal - an den gestalterisch nicht immer entschieden genug gefassten musikalischen Charakteren. Sie hätten bisweilen ein lebendiger atmendes Ausschwingen der melodischen Phrasen, mehr Farbe und mehr dynamische Differenzierung sowie mehr rhythmische Prononcierung vertragen können. Eine affektivere, zupackendere Herangehensweise hätte Buxtehudes Künsten, die Bach seinerzeit so bewunderte, ein noch plastischeres Profil verliehen.

Sebastian Quint

Vergessener Barockmeister mit Freude an Tonmalereien

Hochkarätiges Konzert mit geistlichen Kantaten von Johann Valentin Meder in Kirchheim - Bejubelte Wiederentdeckung

Rheinpfalz vom 24. Januar 2006

Besser geht´s kaum. Das lässt sich ohne Einschränkung nach dem Konzert des Vokalensembles "Sette Voci" und der Instrumentalistengruppe "De Profundis" am Samstag beim Kirchheimer Konzertwinter sagen.
Wie gut die Musiker um den niederländischen Barockspezialisten Peter Kooij musizieren, hatte das Konzertwinter-Publikum schon vor einem Jahr beim Bachschen Weinachtsoratorium erfahren - kein Wunder, dass die protestantische Kirche bis auf den letzten Platz besetzt war, obwohl der Komponist, dem das Konzert gewidmet war, kaum jemandem etwas sagte: Johann Valentin Meder (1649-1719), ein Thüringer, der hauptsächlich im Baltikum komponierte, eine Generation vor Bach, Zeitgenosse von Buxtehude und so außerhalb der heutigen Aufführungspraxis stehend, dass das Notenmaterial aus alten Handschriften erarbeitet werden musste. Ein lohnendes Unterfangen. Meder hätte aber auch kaum bessere Interpreten finden können, und diese wiederum kaum bessere Aufführungsumstände als den intimen Rahmen der Kirchheimer Kirche mit einem konzentriert zuhörenden Publikum.
Der Beginn: ein musikalischer Dialog "Gegrüsset seys tu, Holdseelige", also die Verkündigung der Geburt Jesu durch den Erzengel Gabriel. Die biblische Wechselrede, von zwei Sopranen vorgetragen, wird umrahmt von einer vom Bass vorgetragenen strophischen Betrachtung und abgeschlossen durch die alttestamentliche Verheißung der Jungfrauengeburt. In der Instrumentaleinleitung mit zwei Violinen, zwei Gamben, Violone, Laute und Orgelpositiv agierten die Musiker allemal präzis, hervorragend aufeinander eingespielt, rhythmisch prägnant und klanglich erlesen. Meders Musik, das zeigte sich auch in der Folge, ist dann besonders farben- und einfallsreich, wenn der Text ihn zur musikalischen Affektmalerei reizt, wenn er Gegensätze und Kontraste liefert. Ungemein eindrucksvoll setzte Dominik Wörner, Bassist bei "Sette Voci" und Künstlerischer Leiter des Konzertwinters, nach der Instrumentaleinleitung ein. Mit profunder, voller Stimme und rhetorischem Impetus sang er "Die höllische Schlange darf nimmer uns beißen". Die Musiker schafften es, den Ernst des mit barocker Drastik formulierten Inhalts mit einem tänzerischen Grundduktus zu verbinden - auch das ein insgesamt gültiges Charakteristikum des Konzerts.
Wunderschön ausgeglichen sangen dann die Sopranistinnen Hana Blazikova und Kristine Jaunalksne den Dialog zwischen Engel und Gottesmutter, bevor die zweite Strophe des Eingangsliedes und die Prophezeiung im Terzett die abwechslungsreiche Komposition abschlossen. Geringe anfängliche rhythmische Abweichungen im Gesang Jaunalksnes gegenüber der Instrumental-Cappella gaben sich rasch, der Altus Kai Wessel und der Tenor Julius Pfeifer - beide sangen schlank, aber kräftig - fügten sich hervorragend ein.
Der Gegensatz zwischen strophig gebundenen und madrigalartig freien, abschnittsweise komponierten Passagen, die Lust an Tonmalereien, wenn etwa der 6. Psalm am Ende abrupt abbricht, weil das letzte Textwort "plötzlich" lautet, charakterisiert Meders geistliche Kantaten und Motetten. Es erstaunt, dass etliche Texte, unter anderem ein geistliches Liebeslied, in einem eigenartigen Latein abgefasst sind. Zeitgeschichtlich interessant, aber musikalisch ins Konventionelle abfallend, war eine Danksagung aus dem Jahr 1684 zur Befreiung der Stadt Riga von der Belagerung durch die Moskowiter.
Fast zum Schluss war dann noch ein zweifellos hübsches Instrumentalstück Meders zu hören, eine Chaconne, delikat gespielt. Sie bot aber nach den diversen Kantatenvor- und -zwischenspielen nichts Neues mehr und wäre wirksamer am Anfang erklungen, weil man nun den Eindruck hatte, die musikalische Spannweite Meders hinreichend kennen gelernt zu haben. Da bot die Schlussmotette "Unser keiner lebet ihm selber", die das Ensemble klangkräftig vereinigte, doch noch die eine oder andere Überraschung, die erneut aufhorchen ließ.

Roland Happersberger

Verführung durch acht edle Stimmen

Sette Voci sangen in Nürnberg

Nürnberger Nachrichten vom 18. Oktober 2005

"Über Musik kann man am besten mit Bankdirektoren reden. Künstler reden ja nur übers Geld". Dieser Ausspruch stammt nicht aus dem Pressebüro der Hypobank, die mit den "Engelschor-Kantaten" in St. Sebald das kulturelle Leben Nürnbergs bereichert - nein, diese Worte kamen einst von den Lippen des finnischen Komponisten Jean Sibelius.
Nun gelang es einem Sonderkonzert das Vokalensemble "Sette Voci" nach Nürnberg zu holen. Herausragende Solisten aus ganz Europa erarbeiten unter der Leitung des Niederländers Peter Kooij seit 2001 selten aufgeführte, zumeist siebenstimmige Werke aus Renaissance und Barock. Bei einem Konzert in Nürnberg kommt man jedoch nicht an Johann Pachelbel vorbei, und so werden mit seinen 8-stimmigen Motetten aus "Sette Voci" kurzerhand "Otto Voci".

Streng symmetrisch

Gibt es denn etwas Schöneres, als mit einer Stimme verführt zu werden? Ja! Von acht Stimmen verführt zu werden, wobei keine heraussticht, sondern zum Wohle eines Gesamtklanges zurückgenommen ist, der so leicht und spielerisch dahinfließt, dass der Dirigent eigentlich nur noch die Einsätze geben muss. Stephan Leuthold unterstützt feinfühlig mit dezentem Generalbassspiel an der kleinen mobilen Orgel diesen Fluss in einer streng symmetrisch konstruierten ersten Konzerthälfte, in dessen Mitte einige der wenigen Motetten von Johann Sebastian Bach ("Ich lasse dich nicht") steht.
Ob nun beim anspruchsvollen "Abendständchen" von Johannes Brahms oder Hans Leo Hasslers "Mein Gmüth ist mir verwirret", ob bei einem französischen Chanson von Orlando di Lasso oder einem englischen Partsong von Robert Lucas Pearsall - aufgrund der hohen durchgängigen Perfektion fällt es auch im zweiten Teil schwer, einen Höhepunkt zu benennen. Doch gehörte der schlichte Satz für vier Männerstimmen "In einem kühlen Grunde" von Friedrich Silcher sicher zu den ergreifendsten Momenten dieses wunderbaren Abends. "Golden wehn die Töne nieder" - endlich mal wieder ein Konzertprogramm das hält, was es verspricht.

Michael Sikora

Die himmlischen Künste von Frau Musica

Nürnberger Zeitung vom 17. Oktober 2005

Das Programmmotto der "Sette Voci" suggerierte mit der Verszeile "Golden wehn die Töne nieder" romantisches Liedgut, doch glücklicherweise wusste das hochkarätige, zwischen vier- und achtstimmig agierende Gesangsensemble den eingerüsteten, aber dadurch nicht minder gewaltigen Kirchenraum von St. Sebald mit einem ungleich größeren chormusikalischen Repertoire aus drei Jahrhunderten auszunutzen.
Denn für solche Ausmaße und deren akustische Wirkungen waren die Motetten des ersten Teils bestimmt. In stimmiger Symmetrie umrahmten doppelchörige Sätze des Bach-Lehrers Johann Pachelbel und zweier Bach-Onkel (Johann Christoph und Johann Michael) die imitationsreiche Trauerkantate "Ich lasse dich nicht" (BWV 157) des großen Schülers und Neffen. Johann Sebastian Bach vereint das an Imitationstechniken Erlernte mit hochartifizieller Textausdeutung, überstrahlt seine Lehrer mittels innigster musikalischer Sublimierung. Die grandiose Architektur aller Kompositonen dieses ersten Teils wurde von den acht Gesangssolisten in virtuoser Mehrstimmigkeit und zartem Echospiel vorgeführt; glanzvoll umrankten diffizile Melismen die Cantus-firmus-Linien, die durch Stephan Leutholds Orgelpartie deutliche Konturen erfuhren.

Girlanden der Polyphonie

Peter Kooij, durch Bach-Wochen-Meriten längst auch in fränkischen Landen bekannt, leitete durch die polyphonen Girlanden und hatte die Gruppen klnglich sinnvoll eingeteilt: So schien der erste Chor mit Monika Frimmer in forcierender Führung mehr dem irdischen Dasein verhaftet, wohingegen das Quartett mit Urike Hofbauers Sopran schwerelos transzendente Höhen erreichte.
Der zweite Teil dieses gut besuchten Engelschor-Sonderkonzertes war der weltlichen Vokalpolyphonie gewidmet. Federleicht entzückten die musikalisch hinreißenden Lieder von Orlado di Lasso, mit beredter Abschnittsgliederung blieb nur das "Gmüth", nicht aber die Hörerkenntnis bei Hans Leo Hasslers Kantionalsätzen "verwirret".
Der Sprung zum bürgerlichen 19. Jahrhundert eines Friedrich Silcher war zunächst befremdlich. Aber derart kultiviert und ergreifend wie das Männerquartett der "Sette Voci" "Alle Brünnlein" fließen ließ und sich ohne weinerliche Sentimentalität "In einem kühlen Grunde" niederließ, waren auch diese "urdeutschen Hits" wieder zu verkraften.
Meditativ verschmelzend bezauberte Robert Pearsalls "Lay a garland". Nach den innigen Brahms-Sätzen des "Abendständchens" und der säuselnd-stillen "Nacht" bestätigte Mendelssohn "Denn er hat seinen Engeln befohlen" ein letztes Mal die himmlischen Künste Frau Musicas und ihrer Exegeten.

Sabine Kreimendahl

Reiner Klang

Sette Voci

Süddeutsche Zeitung vom 10. Oktober 2005

Jetzt hat die Konzertreise durch die Residenz auch den wohl schönsten Saal erreicht: das Antiquarium. Sicher, großen Eindruck macht der prächtige Raum schon bei einem Rundgang. Noch intensiver wird der Eindruck aber, wenn man dort einen ganzen Abend verbringt, bei dem das dichte Klanggewebe von Renaissance-Vokalmusik den Saal weiter verschönert. Als das Antiquariurn im 16. Jahrhundert erbaut wurde, war Orlando di Lasso Hofkapellmeister in München - welche Musik könnte also besser geeignet sein, dort aufgeführt zu werden?
In der ersten Programmhälfte gab es zwei musikalisch miteinander verbundene Werke Lassos: Die kurze Motette "Osculetur me osculo", in der das Hohe Lied Salomons vertont wird, war die Grundlage für die weit ausführlichere "Missa super Osculetur me osculo". Bei beiden Stücken bot das vom niederländischen Bariton Peter Kooij geleitete Ensemble Sette Voci große Gesangskultur. Im Jahre 2001 gegründet, vereint es mit Ulrike Hofbauer und Susan Eitrich (Sopran), Beat Duddeck und Alexander Schneider (Alt), Benoit Haller und Koen van Stade (Tenor) sowie Dominik Wörner und Markus Flaig (Bass) acht international erfahrene Solisten der Alte-Musik-Szene. Doch warum heißt der Chor "sieben Stimmen"?
Gemeint ist hier nicht die Anzahl der Sänger, sondern es wird auf symbolische Bedeutungen verwiesen - die sieben Schmerzen der Jungfrau Maria -, die zur Zeit Lassos als wichtig angesehen wurden und vielfach in seinen Kompositionen verschlüsselt sind. Die tiefe Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt der Zeit, die gründliche Einarbeitung in das Werk Lassos spiegelte das klangliche Resultat des Konzerts beeindruckend wider. Mit einer Überfülle dynamischer Abstufungen arbeiteten die Sänger die jeweiligen Wortbedeutungen plastisch heraus und fanden dabei genau den richtigen Mittelweg zwischen Klangfülle und Transparenz, zwischen Sinnlichkeit und Askese, um die Vokalpolyphonie der Renaissance in all ihrer einfallsreichen Farbigkeit erstrahlen zu lassen. Gleiches gilt für die Mariengesänge Lassos, die auf den ersten Blick alle ziemlich ähnlich wirken, bei genauerem Hinhören aber eine große kompositorische Vielfalt entdecken lassen. Starker Beifall des sehr zahlreichen Publikums.

Sebastian Werr

Sieben Stimmen, sicherer Gesang

Karlsruhe, 10. Oktober 2005

Schlicht, aber effektiv: Sette Voci (Sieben Stimmen) nennt sich das Ensemble um den renommierten Alte-Musik-Experten Peter Kooij, das seit vier Jahren zusammen singt und sich auf Musik von Renaissance und Barock spezialisiert hat; und schnörkellos wie der Name war auch der Gesang, den das Ensemble in den Raum der Christuskirche setzte: klare, volle, fast unvibrierte Stimmen, mit geradezu traumwandlerisch sicherer Intonation und souveräner Phrasierung, gepaart mit einer ebenfalls schlichten, animierten Bühnenpräsenz.
Geboten war ein reines A-capella-Programm: Geistliche Musik von Orlando di Lasso war das Thema bei den 40. Orgeltagen in der Karlsruher Christuskirche. Das war zwar nicht gerade eine der Neuentdeckungen, die sich das Ensemble auf die Fahnen geschrieben hat, aber ein di Lasso, wie man ihn gerne hört: absolut stilsicher, durchsichtig und mit spielerischer Eleganz interpretiert.
Stringent gestalteten die Sänger die Motette und Messe "Osculetur me osculo", formten, ganz wie es sein soll, mit triumphierendem Osanna, berührend innigem Sanctus und dem sanft fließenden Agnus Dei.
Lockerer in der Form der zweite Teil des Abends mit seiner - sehr schön harmonierenden - Folge von Mariengesängen für variierende Besetzungen. Doch auch hier setzten die Sänger unter Peter Kooijs optisch etwas steif scheinenden, aber offensichtlich animierenden Dirigat nur ganz selten auf extreme Effekte - mal ein sehr zartes Piano, wenn in den Mariengesängen die süße Maria, die dulcis Virgo Maria, besungen wird. Lieber konzentrierten sie sich darauf, die Konstruktion dieser Musik klar herauszuarbeiten. Sehr schön ließen sich die imitierenden Einsätze der Stimmen nachvollziehen, die wechselnden Gliederungen der Stimmführung verfolgen. Dabei überzeugten sie mit einer äußerst gepflegten Gesangskultur: Die Balance zwischen den Stimmen war in jeder Konstellation perfekt, der Gesamtklang direkt, aber doch weich, federleicht und beweglich gingen den Sängern die längsten Melismen von den Lippen. Ein inspirierendes Konzert.

Wibke Gerking

Strahlendes Gotteslob von mitreißender Schönheit

Großartige Aufführung des Weihnachtsoratoriums beim Kirchheimer Konzertwinter - Geistreich und aufmerksam musiziert

Rheinpfalz vom 11. Januar 2005

Außerordentlich homogen und interpretationsfreudig präsentierten sich am Samstag Chor, Orchester und Solisten beim Weihnachtsoratorium in Kirchheim. Das Publikum des Kirchheimer Konzertwinters ist mit Applaus nicht geizig. Am Samstag aber bestand es geradezu darauf, die nach zwei Stunden konzentrierten Musizierens zweifellos erschöpften Interpreten im Chorraum der protestantischen Kirche festzuhalten, um ihnen lange und nachhaltig Dank und Zustimmung zu zeigen.
Und das mit vollem Recht. Das noch junge Jahr wird es an der Unterhaardt schwer haben, ein schöneres, klangprächtigeres, niveauvolleres Konzert zu präsentieren. Das Vokalensemble "Sette Voci" mit Gästen - insgesamt 13 Sänger und Sängerinnen, die im Chor und wechselnd als Solisten vorzüglich sangen -, das Barockensemble "De Profundis" und das Trompetenensemble Guy Ferber - zusammen 21 Instrumentalisten -; hatten die erste, dritte, fünfte und sechste Kantate aus Johann Sebastian Bachs 1734/35 erstmals aufgeführtem Weihnachtsoratorium fulminant gesungen, gestrichen, gezupft und geblasen. Unter der Leitung von Peter Kooij fanden sich die Interpreten zu einer homogenen Leistung seltener Güte zusammen. Das war schon rein physisch eine enorme Leistung, immerhin wurde zwei Stunden ohne Pause musiziert.
Die Besetzungsgröße deutet es an: Die Kirchheimer Aufführung war weit vom breiten, sinfonischen Klang alter Karl-Richter-Referenzaufnahmen entfernt. Das Instrumentarium war histoisch, der Pauker ließ Lederschlegel aufs straff gespannte Trommelfell prasseln, die Trompeten schmetterten schlank und strahlend, zu den Rezitativen begleitete sanft die Laute - das ergibt automatisch einen schlanken Klang, der ein rascheres, fließenderes Musizieren nahelegt und plausibel macht. Auch das Verhältnis der Vokalsolisten zur Klangmasse des kleinen Chores war überzeugend. Zumindest in einem relativ kleinen Raum wie der Kirchheimer Kirche kann es kaum eine bessere Darstellungsart geben. Dazu kommt die Artikulation des Singens, gleichmäßig in Chor und den wechselnden Solisten: Allesamt sangen sie in einer Weise, die nahe an der natürlichen Sprachmelodie bleibt, belebten den Vortrag durch unterschiedliche Gestaltung der einzelnen Taktzeiten, so dass eine immerwährende Bewegung auch in den kleinsten musikalischen Einheiten den Vortrag belebte.

Jede Stimme wichtig
Was soll man hervorheben? Natürlich den berühmten Eröffnungschor: "Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan". Volltönender, dichter Wohlklang füllt die Kirche, Chor und Trompeten strahlen. Frappierend ist dabei die große Transparenz, in der jede Stimme, jedes Instrument wichtig wird. Deutlich greifen Trompeten, Holzbläser, Streicher, Continuoorgel und Sänger musikalisch ineinander, werfen einander die Bälle zu, die Proportionen stimmen. Dieses Jauchzen hat nichts getragen Feierliches, es ist vielmehr gespannt, pulsiert, drängt vorwärts, es verdeutlicht packend, dass Unerhörtes, nämlich das Kommen Gottes in die Welt, angekündigt wird.
Dann das erste Rezitativ, der Evangelist berichtet rasch, die Laute begleitet sanft. "Bereite dich, Zion": Wunderbar konzertieren Oboe d´amore und Altus miteinander. "Großer Herr und starker König": Herrlich federnd, rhythmisch drängend und doch straff gebunden ist diese Bass-Arie, mit offener, klarer Stimme vorgetragen. Blühend, klar und satt auch der Eingangschor der dritten Kantate, schlicht und konzentriert die Choräle, wunderbar leicht und differenziert die Stellen, in denen andere Stimmen in Choräle und Rezitative hinein theologische Kommentare einschieben, etwa in "Wo ist der neugeborene König der Jüden", wo das klare Singen des Altus sich ins polyphone Chorgewebe flicht. Aufstörend, wenn auch nur für einen Moment, die falschen, schrägen Töne, die die Lügen des Herodes auch musikalisch entlarven.
Vieles verdiente, einzeln hervorgehoben zu werden. Nur einmal verschlechterte sich die Streicher-Intonation während einer Kantate so, dass es zu kleinen unschönen Reibungen kam, aber das ist der Preis für die besondere Schönheit der Natursaiten.
Herrlich war dann der Schluss der sechsten Kantate mit langen, ganz besonders lebendig vorgetragenen Tenorpartien und dem von Bach raffiniert kombinierten Schlusschor, in dem über aller Schönheit die entschiedene, klare Intensität der drei Trompeten leuchtete. Nein, vier Weihnachtsoratoriumskantaten am Stück sind nicht eine zu viel - jedenfalls nicht, wenn so konzentriert, geistreich, aufmerksam und schön musiziert wird wie hier.
Wegen der großen Nachfrage im Vorverkauf gab es am Sonntagnachmittag eine Wiederholung; der Reinerlös floss wohltätigen Zwecken zu.

Roland Happersberger

Orlando di Lasso´s klaagzang indringend vertolkt

Sette Voci olv. Peter Kooij mmv. Theo Brandmüller (orgel). Programma: 'Lagrime di San Pietro' von Orlando di Lasso. Gehoord: zondag 25 juli, Grote of St. Bavokerk Haarlem.

Haarlems Dagblad vom 26. Juli 2004
klassieke muziek - recensie

De 16de-eeuwse componist Orlando di Lasso moet een man met twee gezichten zijn geweest. Humoristische liedjes schreef hij ein weelderige koorwerken, maar ook vrome motetten en diep doodeefde geestelijke madrigalen. Zijn Lagrime die San Pietro dat gisteren tijdens het Internationaal Orgelfestival Haarlem tot klinken kwam, tot de tweede categorie. Eenentwintig gedichten van de Italiaan Luigi Tansillo zijn geordend tot een intens mini-drama waarin Petrus treurt om zijn verraad van Christus.
In een even rijk als expressief weefsel voegen de zeven stemmen zich afwisselend samen in sonore akkoorden of gaan groepsgewijs hun eigen weg. Daarbij bestrijkt de componist: een groot scala aan klankcombinaties. Maar nergens staat een noot te veel.
Geen tijdgenoot besteedde zoveel aandacht aan de tekst als Orlando di Lasso. Seeds voegt de frasering en het karakter van de muziek zich naar de woorden. De uitgesproken tekstschilderingen van zin vroegere werk heeft de componist hier niet meer nodig. Soms duiken ze nog even op: waar de apostelen Christus verlaten, haasten de stenmen zich éé voor één naar beneden, en als er sprake is vin een stroom van tranen golven de zangpartijen over elkaai hen. Maar het is vooral de sfeer van berouw en weemoed die Orlando di Lasso n een grote spanningsboog weet te vangen. De Nederlandse bas Peter Kooij - die net als Lasso 450 jaar geleden emplooi heeft gevonden in Duitsland - hecht evenveel belang aan tekstexpressie. Als zanger maar, zo bleek, ook als dirigent. Hij kiest rustige tempi waardoor het stemmenweefsel ondanks de galm van de St. Bavo doorzichtig blijft en de tekst steeds verstaanbaar is.
Het recente door hem opgerichte vocaal ensemble Sette Voci, bestaande uit zeven zangers uit verschillende Europese landen, heeft de Lagrime di San Pietro als zijn lijfstuk. En dat is te horen. De totaalklank is volmankt uitgebalanceerd. Telkens treden stemmen uit het geheel naar voren om daar ook weer in terug te keren. En prachtig is het contrast tussen de diepse bassen en de stralende sopranen met daartussenin de homogene klank van de tenoren.
Op hun best zijn Orlando di Lasso en Sette Voci in het afsluitende motet 'Vide homo'. Daar wordt de melodie uitgesponnen als één lange, steeds van kleur verschietende klankdraad.
De drie filmische orgelimprovisaties van Theo Brandmüller sneden als scherpe rotspunten door Lasso´s indringende cyclus. Ingetogenheid week er voot massieve klanklawines, welluidendheid voor oorverdovende dissonanten, soberheid voor speelse plaagstootjes die door de verschillende registers heen buitelden. Expressief en vindingrijk was Brandmüllers spel wel, maar stilistisch viel het soms lelijk uit de toon.

Winand van de Kamp

Ausdrucksstark, mit edler Zurückhaltung: Die "Lagrime die San Pietro" von Orlando di Lasso

Große Spannkraft der melodischen Bögen

Donnerstag, 31. Juli 2003

Sette Voci in Brixen Auf Einladung der Brixner Initiative Musik und Kirche trat das Vokalensemble "Sette voci" im Brixner Dom und in der Stiftskirche von Innichen mit einem ungewöhnlichen Werk vor das Publikum: mit dem Zyklus geistlicher Madrigale, die sein Schöpfer Orlando di Lasso unter dem Namen "Lagrime di San Pietro" zusammenfasste. Dieses Werk beendet der Komponist nur wenige Wochen vor seinem Tod. Es ist zugleich sein ausgedehntestes Werk, das einen Blick in seine Seele tun lässt. Er widmete das Werk Papst Clemens VIII. Orlando di Lasso war Hofkapellmeister der bayerischen Herzöge Albrecht V. und Wilhelm V. in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Als ein "princeps musicae" wurde er in ganz Europa anerkannt und gefeiert.
Die "Lagrime" sind der Ausdruck seines selbstquälerischen Pessimismus. Der Text stammt aus einem fragmentarischen Werk des Dichters Luigi Tansillo. Orlando hat die Verse so ausgewählt, dass daraus ein kleines Drama entstand. Die Madrigale samt der abschließenden lateinischen Motette stellen Stadien der Reue des Petrus dar, der noch als alter Mann von seiner Verleugnung des Herrn verfolgt wird.
Die Madrigale sind siebenstimmig, Stimmenanzahl, Kompositionsart, die Wahl der Gattung haben symbolische Bedeutung. So deutet die Zahl sieben auf die sieben Schmerzen Mariens hin. Die Zahl der einundzwanzig Teile stellt ein Vielfaches von sieben dar. Die Komponisten, und Orlando di Lasso war in dieser Technik ein Meister voller Einfälle und Kreativität, versuchten den Text mit Musik auszudeuten. Vieles vermochten ungeübte Ohren nicht zu verstehen; man sprach daher von "musica riservata" - Musik für Kenner.
In den "Lagrime di San Pietro" will Lasso seinen Seelenschmerz, seine Schwermut, die Angst vor dem Tod nicht hemmungslos hinausschreien, sondern mit edler Zurückhaltung umso erschütternder mitteilen. Wer auf die Nuancen, dynamischen Abstufungen, harmonischen Verbindungen, Wort- und Tonwiederholungen hellhörig und feinfühlig zu achten versteht, wird den Schmerz nachempfinden können.
Das Vokalensemble mit seinem Leiter Peter Kooij hat sich gründlich in das Werk eingearbeitet, sodass die Ergriffenheit der Sänger auf die Hörerschaft übersprang. Die große Spannkraft, mit der sie die melodischen Bögen zogen, war beeindruckend. Die dynamischen Differenzierungen unterstrichen eindrucksvoll den Wortgehalt. So entstand ein intensives, aber durchaus nicht plakatives Bild der von Gewissensqualen geplagten Seele des Petrus und auch des großen Orlando di Lasso.

Josef Oberhuber

Gefühlszustände differenziert hörbar gemacht

Rheinpfalz vom 21. Januar 2003

Solistenensemble "Sette Voci" beim Kirchheimer Konzertwinter mit Madrigalsammlung von Orlando di Lasso

Die Sammlung von 21 geistlichen Madrigalen "Lagrime di San Pietro" ist eines der rätselhaftesten und schwierigsten Werke Orlando di Lassos. Die in seinem Todesjahr 1594 vollendeten "Reuetränen des Heiligen Petrus" gelten als Krönung seines Lebenswerks, als sein "summum opus" und als Gipfelwerk der Renaissancemusik, das alles bisher Geschriebene übertraf. Der Textdichter des Werks, Luigi Tonsillo, war wegen seiner erotischen Freizügigkeit von der Inquisition auf den Index gesetzt worden. Zur Buße beschrieb er deshalb die Todesängste, die Petrus nach der Leugnung Christi befallen hatten.
Dass die Aufführung dieses gewaltigen Werks zum Höhepunkt des diesjährigen Kirchheimer Konzertwinters geriet, dafür stand das Vokalsolistenensemble "Sette Voci" unter der Leitung des niederländischen Baritons Peter Kooij, der zurzeit auch durch seine Einspielungen Bachscher Vokalwerke Aufsehen erregt.
Lassos Zeit und die sie beherrschende Gedankenwelt ist uns heute fremd. Das Problem, das sich bei der Interpretation dieses Lieblingsstücks vieler Alte-Musik-Ensembles stellt, heißt schlicht und einfach: Lässt sich das in der Musik des 16. Jahrhunderts ausgedrückte Empfinden und Fühlen einem heutigen Hörer noch vermitteln? Wirkt solch ein Großwerk um einen einzigen Themenkreis, das Menschen einst tief bewegen konnte, heute nicht einfach kalt, trocken analytisch, schlimmstenfalls langweilig? Nicht zuletzt, weil Angaben über Ausdruckshaltungen, Lautstärken und Artikulation in den alten Chorbüchern fehlen?
Doch Kooij und seinen "Sieben Stimmen" gelang es nach einer anfänglichen Orientierungsphase im Verlauf ihrer Darstellung recht überzeugend, über das nur korrekte Buchstabieren der Noten hinaus den Zyklus auf hohem technischen und gestalterischen Niveau zu tragen, zu gliedern und zu differenzieren. Mit perfekter Intonation (aber leicht verwaschen klingender Diktion) verfuhr das Ensemble überaus sicher mit all den musikalischen Darstellungstechniken, die Lasso hier einsetzt. Die Zahlenmystik des Drei-mal-Sieben ist umgesetzt in kompakte Siebenstimmigkeit, in Gegenüberstellung von Hoch- und Tiefchor, Homophonie, Polyphonie, Tonmalerei, Dur-, Moll- und chromatischer Harmonik. In langem Atem erschienen die chorischen Kombinationen kontrastiert und die polyphonen Bögen verflochten.
Entscheidend war jedoch, wie die Veranschaulichung der Gefühlszustände gelang. Da wurden einzelne Worte wie eine Überschrift in vollem Tuttisatz herausgestellt, rhythmische Impulse, Betonungen einzelner Worte trugen zur Lebendigkeit bei. Da erklang der eine Satz in raschem Tempo, der andere wieder straff deklamiert, der nächste lyrisch weich abgetönt. Lebendige Emotionalität fand sich besonders bei den Stellen, an denen sich die Augen Christi mit denen seines Verräters Petrus trafen. Berührend wirkte die versunkene Stimmung jener ton- und wortmalerischen Sätze, die beispielsweise (Nr. 10) die Natur in Form der schmelzenden Schneeflocken mit einbeziehen, um den Tränenfluss Petri zu verdeutlichen.
Im letzten Drittel des Zyklus, wenn verzweifelte Todesgedanken in den Vordergrund rücken, nahm auch die Dramatik zu. Hier faszinierten die Stellen, an denen Petrus Rechenschaft über sein Versagen ablegt, durch ihre Ausdruckstiefe, nicht minder sein Gedenken der erlebten Wundertaten Christi, bei denen musikalisch geschildert wird, wie Lahme gehen, Stumme wieder reden und Blinde wieder sehen. Sehr wohl vermerkte man dabei die eingesetzten Errungenschaften historisierender Aufführungspraktiken. Das absolut vibratofreie, schnörkellos klar konturierte Timbre der Sopranistinnen Kristine Jaunalskne und Ulrike Hofbauer gehörte dazu, wogegen einer der drei Tenöre (Beat Duddeck, Robert Buckland, Koen van Stade) streckenweise doch unangemessen laut einer ausgewogenen Stimmbalance im Wege stand, zu der die Bassisten Dominik Wörner und Willi Schwinghammer sonor ihr Fundament legten.
Ein bewegendes, auch den heutigen Hörer recht beeindruckendes Tondokument hatten die "Sette Voci" hier erarbeitet, dem kaum noch ein Rest an Antiquiertheit und Ferne anhaftete. In Lassos Musik gibt es immer noch sehr viel zu entdecken.

Edgar Stadtler

Zu edlem Klang geronnene Tränen

Das Vokalensemble "Sette Voci" sang unter der Leitung von Peter Kooij

"Lagrime di San Pietro" von Orlando di Lasso

Badische Neueste Nachrichten vom 21. Januar 2003

Es zählt zu den größten und eindruckvollsten Werken der Renaissance: Orlando di Lassos "Lagrime di San Pietro". Das Ensemble Sette Voci unter der Leitung von Peter Kooij brachte dieses selten aufgeführte Stück in der Christuskirche zum Klingen: Durchweg siebenstimmig und a cappella komponiert, wird in den "Bußtränen des heiligen Petrus" die frankoflämische Musik zu einem ihrer Höhepunkte geführt.
Lasso schrieb das Werk unmittelbar vor seinem Tod im Jahr 1594. In seinen letzten Jahren war er Hofkapellmeister in München, doch durch seine vielen Reisen durch Europa vermischten sich in seiner Musik die Stile: Lasso verließ die Tradition strengster Satzregeln, beispielsweise eines Palestrina, er bevorzugte die klangliche Wirkung auch für die kirchlichen Werke wie Motetten oder Messen. Besonders in den "Lagrime di San Pietro" fällt Lassos weit entwickelte, chromatisch orientierte Harmonik auf: So entsteht eine musikalische Abbildung des Büßers Petrus, der seinen Herrn dreimal verleugnet hatte und daraufhin von großem Schmerz und Reue geplagt wurde. Der Komponist stützt sich dabei auf den italienischen Text von Luigi Tansillo, der die Verzweiflung und den Lebensüberdruss Petrus´ hervorhebt. In Letzterem liegt die Paralelle zu Lasso: Unter die Widmung an Papst Clemens VIII. schrieb der Komponist "zu eigener Andacht in nunmehr lastendem Alter".
Das Ensemble "Sette Voci", bestehend aus Sängerinnen und Sängern aus den Niederlanden, England, Deutschland, Lettland und der Schweiz, meisterte den Schwanengesang Lassos mit ergreifender Interpretation: perfekte Intonation, Ausgewogenheit der sieben Stimmen, bestimmte und doch nicht überbetonte Chromatik prägten die Aufführung.
In den 20 siebenstimmig gesetzten Madrigalen und der abschließenden lateinischen Motette entfaltete das Ensemble die Geschichte um das Leiden vom heiligen Petrus. Über den weichen, runden Bässen von Dominik Wörner und Willi Schwinghammer leuchteten die Stimmen der beiden Sopranistinnen: Kristine Jaunalksne und Ulrike Hofbauer ergänzten sich hervorragend und brachten etwas Silbriges, Helles in den Gesamtklang ein, das immer wieder die Läuterung Petrus´ in seinem Leiden darstellte. Die drei Mittelstimmen der Tenöre Andreas Weller, Robert Buckland und Koen van Stade fügten sich harmonisch ein.
Überhaupt bewiesen die sieben Sängerinnen und Sänger, die alle auch als Solisten tätig sind, ein auffallendes Gespür für das richtige Maß und die feine Nuancierung der chromatisch verwobenen Stimmen. Leiter Peter Kooij und das Ensemble wirkten ganz einheitlich, da gab es keinerlei Unstimmigkeiten. Die sensible Umsetzung des musikalisch und textlich tiefschürfenden Werkes ergriff die Zuhörer in der Christuskirche. Das über vierhundert Jahre alte Werk von Orlando di Lasso gestalteten die Sette Voci mit einer Unmittelbarkeit, die es als zeitlos, nah und zutiefst menschlich erstrahlen ließ.

Sonja Zieger