press echo
"Die tiefe Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt der Zeit, die gründliche Einarbeitung in das Werk Lassos spiegelte das klangliche Resultat des Konzerts beeindruckend wider. Mit einer Überfülle dynamischer Abstufungen arbeiteten die Sänger die jeweiligen Wortbedeutungen plastisch heraus und fanden dabei genau den richtigen Mittelweg zwischen Klangfülle und Transparenz, zwischen Sinnlichkeit und Askese, um die Vokalpolyphonie der Renaissance in all ihrer einfallsreichen Farbigkeit erstrahlen zu lassen ... große Gesangskultur" (SZ)
- 17.01.2007: "Jesu dulcis memoria" stiftet Entzücken (Rheinpfalz)
- 15.01.2007: Hingebungsvoll (Esslinger Zeitung)
- 24.01.2006: Vergessener Barockmeister mit Freude an Tonmalereien (Rheinpfalz)
- 18.10.2005: Verführung durch acht edle Stimmen (Nürnberger Nachrichten)
- 17.10.2005: Die himmlischen Künste von Frau Musica (Nürnberger Zeitung)
- 10.10.2005: Reiner Klang (Süddeutsche Zeitung)
- 10.10.2005: Sieben Stimmen, sicherer Gesang
- 11.01.2005: Strahlendes Gotteslob von mitreißender Schönheit (Rheinpfalz)
- 26.07.2004: Orlando di Lasso´s klaagzang indringend vertolkt (Haarlems Dagblad)
- 31.07.2003: Ausdrucksstark, mit edler Zurückhaltung: Die "Lagrime die San Pietro" von Orlando di Lasso
- 21.01.2003: Gefühlszustände differenziert hörbar gemacht (Rheinpfalz)
- 21.01.2003: Zu edlem Klang geronnene Tränen (Badische Neueste Nachrichten)
"Jesu dulcis memoria" stiftet Entzücken
Musik von Dietrich Buxtehude in herrlicher Wiedergabe am Sonntagnachmittag beim Kirchheimer Konzertwinter
Rheinpfalz vom 17. Januar 2007
In Äußerungen schwärmerischen Entzückens
auszubrechen, war nach dem "Jesu dulcis memoria"
überschriebenen Konzert des Kirchheimer Konzertwinters am
Sonntagnachmittag nicht schwer: Peter Kooij, international renommierter
Spezialist für Alte Musik, und seine Ensembles Sette Voci und De
Profundis - drei Sänger, vier Streicher, ein Organist - boten reiche
zwei Stunden mit Musik des vor 300 Jahren gestorbenen Dietrich Buxtehude -
in einer Interpretation, die keine Wünsche übrig ließ, die
kaum ausbalancierter, klangschöner und sinnvoller gedacht werden
könnte.
Wenig ist aus Buxtehudes Leben überliefert: Vor 370 Jahren soll er in
Dänemark geboren sein; seit 1668 war er Organist an der Lübecker
Marienkirche. Er veranstaltete in der Hansestadt außerdem die
"Abendmusiken". Der 20-jährige Johann Sebastian Bach
pilgerte zu Fuß von Arnstadt nach Lübeck, um "dasselbst ein
und anderes von seiner Kunst zu begreiffen".
Solokantaten oder geistliche Konzerte von Buxtehude, die in der
musikalischen Form recht unterschiedlich gehalten sind und noch ohne das
später bei Bach übliche Rezitativ auskommen, machten die
Hauptsache des Programms aus, ergänzt durch ein Orgelstück und
eine Triosonate. Die Zusammenstellung war einheitlich genug, die
musikalische Persönlichkeit Buxtehudes erkennbar werden zu lassen, und
abwechslungsreich genug, dass keine Langeweile aufkam.
Wörner agiert klug und umsichtig
Die "sieben Stimmen" des Vokalensembles waren tatsächlich
drei: die beiden Sopranistinnen Hana Blažíková aus Prag
und Andrea Lauren Brown aus den USA, dazu der künstlerische Leiter der
Konzertreihe, Dominik Wörner, als Bass. Die beiden Sopranistinnen
verfügen über ein ähnliches Stimmtimbre, was ihren Duogesang
zu einer herrlichen Einheit verschmelzen ließ, wobei
Blažíková der eher elegische, Brown ein eher heiterer
Ausdruck liegt. Dies gab dem Vortrag Farbe, ohne die Einheitlichkeit zu
sprengen. Manchmal setzt Buxtehude die beiden Frauenstimmen als Partner
kontrastierend dem Bass gegenüber, manchmal führt er die drei
Stimmen unabhängig voneinander. Wörner war in jedem Fall ein
sicher und klug agierender Sänger, der sonore Gravität ebenso
klingen ließ wie schlanke Eleganz.
Vorzüglich auch die Instrumentalisten von "De Profundis";
Francois Fernandez, Sayuri Yamagata, Mieneke van der Velden und Hans Koch
strichen Violen verschiedener und wechselnder Größe. Es erwies
sich einmal mehr, dass diese nach Mustern der damaligen Zeit gebauten
Instrumente sich klanglich viel besser dem Sologesang anschmiegen als ihre
modernen Nachkommen. Koch spielte mit dem Organisten Andreas Gräsle
den Generalbass; Peter Kooij hielt das Ensemble mit sparsamen, jedoch auf
faszinierende Weise den pulsierenden Rhythmus visualisierenden
Gebärden auf das Präziseste zusammen.
Es ist hier nicht der Raum, auf die zehn Stücke des Programms
detailliert einzugehen. Schauen wir in das erste hinein, "Je
höher du bist", BuxWV 25, das alle Mitwirkenden vereinte. Ein
Schriftwort rahmt nach einer vom ersten Takt an packend gespielten
Instrumentalsonate als Kehrvers ein gereimtes moralisches Liedchen
über ein Hauptthema des 17. Jahrhunderts, die menschliche Eitelkeit.
Die Sonate wurde ungemein lebendig vorgeführt. Wörner setzt den
Kehrvers mit sonorer Stimmpracht an, die beiden Frauen treten homogen
hinzu. Schwere Bedeutsamkeit gibt Buxtehude diesem Teil mit und nimmt den
Affekt dann zurück. Der Reihe nach tragen die Solisten jetzt die
einfache, dem natürlichen Sprachduktus folgende Melodie vor, um sich
schließlich im letzten Abschnitt zum kunstvollen Konzertieren zu
vereinigen, bevor abermals der Kehrvers den Schlusspunkt setzt.
Spannende Kantate
Richtig spannend war die Kantate über den lateinischen Psalm
"Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt mein Seele, o
Gott, nach Dir" in der Form ein Ciaccona. 64 Mal erklingt ein immer
wiederkehrendes Motiv, das den sprudelnden Quell symbolisiert, als
Fundament des glänzend austarierten musikalischen Geschehens.
Glänzend war auch die Wiedergabe der Triosonate op 1,6, eine
überraschende Fülle kurzer, abrupt wechselnder Abschnitte im
damaligen "Stylus phantasticus". Derartiges wirkt auf den
heutigen Hörer oft wirr und unzusammenhängend; "De
Profundis" glückte es indes, das Publikum auch hier in seinen
Bann zu ziehen. Die oft schwierigen Neueinsätze kamen gestochen
scharf.
Wunderbar war stets die Richtigkeit des Vortrags, die sich darin bewies,
dass sie Buxtehudes Musik unmittelbar einleuchtend und nachvollziehbar
machte. Ein belebtes Pulsieren innerhalb der Takte war der kleinste
Baustein, aus dem Kooijs Künstler durchdachte Architekturen in
sinnerschließender Gesamtspannung aufbauten.
Kaum hätte die Zahl der Musiker einerseits und die Zahl der
Zuhörer sowie die Größe des Konzertraums andererseits
besser aufeinander passen können: Man vernahm jedes Detail mit
größter Klarheit. Nach zwei Stunden war der Hörer fast
erschöpft - und genoss doch noch gerne die Zugabe eines
wunderschön kolorierten "In dulci jubilo".
Roland Happersberger
Hingebungsvoll
Peter Kooij und seine Ensembles mit Musik von Dietrich Buxtehude in der Cannstatter Stadtkirche
Esslinger Zeitung / Cannstatter Zeitung vom 15. Januar 2007
Stuttgart - Im Herbst 1705 trat der 20-jährige Johann Sebastian Bach
seine Reise nach Lübeck an, um den "berühmten Organisten an
der Marienkirche Dietrich Buxtehude zu behorchen". Von Buxtehude hat
Bach auf dem Gebiet der Orgel- und der Vokalmusik viel gelernt, sein
musikalischer Weg wäre ohne den direkten Kontakt anders
verlaufen.
Dietrich Buxtehude starb vor 300 Jahren - am 9. Mai 1707. Dem Mozartjahr
folgt 2007 also das Buxtehudejahr. Die Aufmerksamkeit für sein
Maßstäbe setzendes kompositorisches Schaffen dürfte
allerdings weitaus geringer ausfallen. Umso verdienstvoller erscheint die
Initiative der Cannstatter Konzertreihe "Musik am 13.", gleich
ihren ersten Termin des Jahres dem Jubilar zu widmen. In die Cannstatter
Stadtkirche eingeladen hatte man mit Peter Kooij einen erfahrenen
Interpreten, der als Gesangssolist vorwiegend Alter Musik hervorgetreten
ist. Im Jahr 2001 hat er dem von ihm bereits 1999 ins Leben gerufenen
Instrumentalensemble "De Profundis" das Vokalistenensemble
"Sette Voci" zur Seite gestellt. Mit diesen beiden Ensembles
brachte Kooij in Cannstatt acht Kantaten aus Buxtehudes umfangreichem
Schaffen zur Aufführung. Trotz der unterschiedlichen Timbres der
beiden Sopranistinnen Hana Blazikova und Andrea Brown verschmolzen ihre
Stimmen zusammen mit der des Bassisten Dominik Wörner etwa in
"Cantate Domino" zu einer ausgewogenen Balance. Auch solistisch
gefiel in der Bass-Kantate "Jubilate Domino" der weite
Ausdrucksgestus Dominik Wörners, wie auch Hana Blazikova in der
Sopran-Kantate "Herr, wenn ich nur dich habe" mit ihrer
geradlinigen Stimmführung und ihrer textintensiven musikalischen
Gestaltungsweise nachhaltig überzeugen konnte. Andrea Brown und
Dominik Wörner duettierten in der Dialog-Kantate "Wo ist doch
mein Freund geblieben" mit stimmlicher und ausdrucksreich formulierter
Hingabe.
Wenn hin und wieder die interpretatorischen Anforderungen unerfüllt
blieben, so lag dies - instrumental wie vokal - an den gestalterisch nicht
immer entschieden genug gefassten musikalischen Charakteren. Sie
hätten bisweilen ein lebendiger atmendes Ausschwingen der melodischen
Phrasen, mehr Farbe und mehr dynamische Differenzierung sowie mehr
rhythmische Prononcierung vertragen können. Eine affektivere,
zupackendere Herangehensweise hätte Buxtehudes Künsten, die Bach
seinerzeit so bewunderte, ein noch plastischeres Profil verliehen.
Sebastian Quint
Vergessener Barockmeister mit Freude an Tonmalereien
Hochkarätiges Konzert mit geistlichen Kantaten von Johann Valentin Meder in Kirchheim - Bejubelte Wiederentdeckung
Rheinpfalz vom 24. Januar 2006
Besser geht´s kaum. Das lässt sich ohne Einschränkung
nach dem Konzert des Vokalensembles "Sette Voci" und der
Instrumentalistengruppe "De Profundis" am Samstag beim
Kirchheimer Konzertwinter sagen.
Wie gut die Musiker um den niederländischen Barockspezialisten Peter
Kooij musizieren, hatte das Konzertwinter-Publikum schon vor einem Jahr
beim Bachschen Weinachtsoratorium erfahren - kein Wunder, dass die
protestantische Kirche bis auf den letzten Platz besetzt war, obwohl der
Komponist, dem das Konzert gewidmet war, kaum jemandem etwas sagte: Johann
Valentin Meder (1649-1719), ein Thüringer, der hauptsächlich im
Baltikum komponierte, eine Generation vor Bach, Zeitgenosse von Buxtehude
und so außerhalb der heutigen Aufführungspraxis stehend, dass
das Notenmaterial aus alten Handschriften erarbeitet werden musste. Ein
lohnendes Unterfangen. Meder hätte aber auch kaum bessere Interpreten
finden können, und diese wiederum kaum bessere
Aufführungsumstände als den intimen Rahmen der Kirchheimer Kirche
mit einem konzentriert zuhörenden Publikum.
Der Beginn: ein musikalischer Dialog "Gegrüsset seys tu,
Holdseelige", also die Verkündigung der Geburt Jesu durch den
Erzengel Gabriel. Die biblische Wechselrede, von zwei Sopranen vorgetragen,
wird umrahmt von einer vom Bass vorgetragenen strophischen Betrachtung und
abgeschlossen durch die alttestamentliche Verheißung der
Jungfrauengeburt. In der Instrumentaleinleitung mit zwei Violinen, zwei
Gamben, Violone, Laute und Orgelpositiv agierten die Musiker allemal
präzis, hervorragend aufeinander eingespielt, rhythmisch prägnant
und klanglich erlesen. Meders Musik, das zeigte sich auch in der Folge, ist
dann besonders farben- und einfallsreich, wenn der Text ihn zur
musikalischen Affektmalerei reizt, wenn er Gegensätze und Kontraste
liefert. Ungemein eindrucksvoll setzte Dominik Wörner, Bassist bei
"Sette Voci" und Künstlerischer Leiter des Konzertwinters,
nach der Instrumentaleinleitung ein. Mit profunder, voller Stimme und
rhetorischem Impetus sang er "Die höllische Schlange darf nimmer
uns beißen". Die Musiker schafften es, den Ernst des mit
barocker Drastik formulierten Inhalts mit einem tänzerischen
Grundduktus zu verbinden - auch das ein insgesamt gültiges
Charakteristikum des Konzerts.
Wunderschön ausgeglichen sangen dann die Sopranistinnen Hana Blazikova
und Kristine Jaunalksne den Dialog zwischen Engel und Gottesmutter, bevor
die zweite Strophe des Eingangsliedes und die Prophezeiung im Terzett die
abwechslungsreiche Komposition abschlossen. Geringe anfängliche
rhythmische Abweichungen im Gesang Jaunalksnes gegenüber der
Instrumental-Cappella gaben sich rasch, der Altus Kai Wessel und der Tenor
Julius Pfeifer - beide sangen schlank, aber kräftig - fügten sich
hervorragend ein.
Der Gegensatz zwischen strophig gebundenen und madrigalartig freien,
abschnittsweise komponierten Passagen, die Lust an Tonmalereien, wenn etwa
der 6. Psalm am Ende abrupt abbricht, weil das letzte Textwort
"plötzlich" lautet, charakterisiert Meders geistliche
Kantaten und Motetten. Es erstaunt, dass etliche Texte, unter anderem ein
geistliches Liebeslied, in einem eigenartigen Latein abgefasst sind.
Zeitgeschichtlich interessant, aber musikalisch ins Konventionelle
abfallend, war eine Danksagung aus dem Jahr 1684 zur Befreiung der Stadt
Riga von der Belagerung durch die Moskowiter.
Fast zum Schluss war dann noch ein zweifellos hübsches
Instrumentalstück Meders zu hören, eine Chaconne, delikat
gespielt. Sie bot aber nach den diversen Kantatenvor- und -zwischenspielen
nichts Neues mehr und wäre wirksamer am Anfang erklungen, weil man nun
den Eindruck hatte, die musikalische Spannweite Meders hinreichend kennen
gelernt zu haben. Da bot die Schlussmotette "Unser keiner lebet ihm
selber", die das Ensemble klangkräftig vereinigte, doch noch die
eine oder andere Überraschung, die erneut aufhorchen ließ.
Roland Happersberger
Verführung durch acht edle Stimmen
Sette Voci sangen in Nürnberg
Nürnberger Nachrichten vom 18. Oktober 2005
"Über Musik kann man am besten mit Bankdirektoren reden.
Künstler reden ja nur übers Geld". Dieser Ausspruch stammt
nicht aus dem Pressebüro der Hypobank, die mit den
"Engelschor-Kantaten" in St. Sebald das kulturelle Leben
Nürnbergs bereichert - nein, diese Worte kamen einst von den Lippen
des finnischen Komponisten Jean Sibelius.
Nun gelang es einem Sonderkonzert das Vokalensemble "Sette Voci"
nach Nürnberg zu holen. Herausragende Solisten aus ganz Europa
erarbeiten unter der Leitung des Niederländers Peter Kooij seit 2001
selten aufgeführte, zumeist siebenstimmige Werke aus Renaissance und
Barock. Bei einem Konzert in Nürnberg kommt man jedoch nicht an Johann
Pachelbel vorbei, und so werden mit seinen 8-stimmigen Motetten aus
"Sette Voci" kurzerhand "Otto Voci".
Streng symmetrisch
Gibt es denn etwas Schöneres, als mit einer Stimme verführt zu
werden? Ja! Von acht Stimmen verführt zu werden, wobei keine
heraussticht, sondern zum Wohle eines Gesamtklanges zurückgenommen
ist, der so leicht und spielerisch dahinfließt, dass der Dirigent
eigentlich nur noch die Einsätze geben muss. Stephan Leuthold
unterstützt feinfühlig mit dezentem Generalbassspiel an der
kleinen mobilen Orgel diesen Fluss in einer streng symmetrisch
konstruierten ersten Konzerthälfte, in dessen Mitte einige der wenigen
Motetten von Johann Sebastian Bach ("Ich lasse dich nicht")
steht.
Ob nun beim anspruchsvollen "Abendständchen" von Johannes
Brahms oder Hans Leo Hasslers "Mein Gmüth ist mir
verwirret", ob bei einem französischen Chanson von Orlando di
Lasso oder einem englischen Partsong von Robert Lucas Pearsall - aufgrund
der hohen durchgängigen Perfektion fällt es auch im zweiten Teil
schwer, einen Höhepunkt zu benennen. Doch gehörte der schlichte
Satz für vier Männerstimmen "In einem kühlen
Grunde" von Friedrich Silcher sicher zu den ergreifendsten Momenten
dieses wunderbaren Abends. "Golden wehn die Töne nieder" -
endlich mal wieder ein Konzertprogramm das hält, was es
verspricht.
Michael Sikora
Die himmlischen Künste von Frau Musica
Nürnberger Zeitung vom 17. Oktober 2005
Das Programmmotto der "Sette Voci" suggerierte mit der
Verszeile "Golden wehn die Töne nieder" romantisches
Liedgut, doch glücklicherweise wusste das hochkarätige, zwischen
vier- und achtstimmig agierende Gesangsensemble den eingerüsteten,
aber dadurch nicht minder gewaltigen Kirchenraum von St. Sebald mit einem
ungleich größeren chormusikalischen Repertoire aus drei
Jahrhunderten auszunutzen.
Denn für solche Ausmaße und deren akustische Wirkungen waren die
Motetten des ersten Teils bestimmt. In stimmiger Symmetrie umrahmten
doppelchörige Sätze des Bach-Lehrers Johann Pachelbel und zweier
Bach-Onkel (Johann Christoph und Johann Michael) die imitationsreiche
Trauerkantate "Ich lasse dich nicht" (BWV 157) des großen
Schülers und Neffen. Johann Sebastian Bach vereint das an
Imitationstechniken Erlernte mit hochartifizieller Textausdeutung,
überstrahlt seine Lehrer mittels innigster musikalischer Sublimierung.
Die grandiose Architektur aller Kompositonen dieses ersten Teils wurde von
den acht Gesangssolisten in virtuoser Mehrstimmigkeit und zartem Echospiel
vorgeführt; glanzvoll umrankten diffizile Melismen die
Cantus-firmus-Linien, die durch Stephan Leutholds Orgelpartie deutliche
Konturen erfuhren.
Girlanden der Polyphonie
Peter Kooij, durch Bach-Wochen-Meriten längst auch in
fränkischen Landen bekannt, leitete durch die polyphonen Girlanden und
hatte die Gruppen klnglich sinnvoll eingeteilt: So schien der erste Chor
mit Monika Frimmer in forcierender Führung mehr dem irdischen Dasein
verhaftet, wohingegen das Quartett mit Urike Hofbauers Sopran schwerelos
transzendente Höhen erreichte.
Der zweite Teil dieses gut besuchten Engelschor-Sonderkonzertes war
der weltlichen Vokalpolyphonie gewidmet. Federleicht entzückten die
musikalisch hinreißenden Lieder von Orlado di Lasso, mit beredter
Abschnittsgliederung blieb nur das "Gmüth", nicht aber die
Hörerkenntnis bei Hans Leo Hasslers Kantionalsätzen
"verwirret".
Der Sprung zum bürgerlichen 19. Jahrhundert eines Friedrich Silcher
war zunächst befremdlich. Aber derart kultiviert und ergreifend wie
das Männerquartett der "Sette Voci" "Alle
Brünnlein" fließen ließ und sich ohne weinerliche
Sentimentalität "In einem kühlen Grunde"
niederließ, waren auch diese "urdeutschen Hits" wieder zu
verkraften.
Meditativ verschmelzend bezauberte Robert Pearsalls "Lay a
garland". Nach den innigen Brahms-Sätzen des
"Abendständchens" und der säuselnd-stillen
"Nacht" bestätigte Mendelssohn "Denn er hat seinen
Engeln befohlen" ein letztes Mal die himmlischen Künste Frau
Musicas und ihrer Exegeten.
Sabine Kreimendahl
Reiner Klang
Sette Voci
Süddeutsche Zeitung vom 10. Oktober 2005
Jetzt hat die Konzertreise durch die Residenz auch den wohl
schönsten Saal erreicht: das Antiquarium. Sicher, großen
Eindruck macht der prächtige Raum schon bei einem Rundgang. Noch
intensiver wird der Eindruck aber, wenn man dort einen ganzen Abend
verbringt, bei dem das dichte Klanggewebe von Renaissance-Vokalmusik den
Saal weiter verschönert. Als das Antiquariurn im 16. Jahrhundert
erbaut wurde, war Orlando di Lasso Hofkapellmeister in München -
welche Musik könnte also besser geeignet sein, dort aufgeführt zu
werden?
In der ersten Programmhälfte gab es zwei musikalisch miteinander
verbundene Werke Lassos: Die kurze Motette "Osculetur me osculo",
in der das Hohe Lied Salomons vertont wird, war die Grundlage für die
weit ausführlichere "Missa super Osculetur me osculo". Bei
beiden Stücken bot das vom niederländischen Bariton Peter Kooij
geleitete Ensemble Sette Voci große Gesangskultur. Im Jahre 2001
gegründet, vereint es mit Ulrike Hofbauer und Susan Eitrich (Sopran),
Beat Duddeck und Alexander Schneider (Alt), Benoit Haller und Koen van
Stade (Tenor) sowie Dominik Wörner und Markus Flaig (Bass) acht
international erfahrene Solisten der Alte-Musik-Szene. Doch warum
heißt der Chor "sieben Stimmen"?
Gemeint ist hier nicht die Anzahl der Sänger, sondern es wird auf
symbolische Bedeutungen verwiesen - die sieben Schmerzen der Jungfrau
Maria -, die zur Zeit Lassos als wichtig angesehen wurden und vielfach in
seinen Kompositionen verschlüsselt sind. Die tiefe Auseinandersetzung
mit der Gedankenwelt der Zeit, die gründliche Einarbeitung in das Werk
Lassos spiegelte das klangliche Resultat des Konzerts beeindruckend wider.
Mit einer Überfülle dynamischer Abstufungen arbeiteten die
Sänger die jeweiligen Wortbedeutungen plastisch heraus und fanden
dabei genau den richtigen Mittelweg zwischen Klangfülle und
Transparenz, zwischen Sinnlichkeit und Askese, um die Vokalpolyphonie der
Renaissance in all ihrer einfallsreichen Farbigkeit erstrahlen zu lassen.
Gleiches gilt für die Mariengesänge Lassos, die auf den ersten
Blick alle ziemlich ähnlich wirken, bei genauerem Hinhören aber
eine große kompositorische Vielfalt entdecken lassen. Starker Beifall
des sehr zahlreichen Publikums.
Sebastian Werr
Sieben Stimmen, sicherer Gesang
Karlsruhe, 10. Oktober 2005
Schlicht, aber effektiv: Sette Voci (Sieben Stimmen) nennt sich das
Ensemble um den renommierten Alte-Musik-Experten Peter Kooij, das seit vier
Jahren zusammen singt und sich auf Musik von Renaissance und Barock
spezialisiert hat; und schnörkellos wie der Name war auch der Gesang,
den das Ensemble in den Raum der Christuskirche setzte: klare, volle, fast
unvibrierte Stimmen, mit geradezu traumwandlerisch sicherer Intonation und
souveräner Phrasierung, gepaart mit einer ebenfalls schlichten,
animierten Bühnenpräsenz.
Geboten war ein reines A-capella-Programm: Geistliche Musik von Orlando di
Lasso war das Thema bei den 40. Orgeltagen in der Karlsruher
Christuskirche. Das war zwar nicht gerade eine der Neuentdeckungen, die
sich das Ensemble auf die Fahnen geschrieben hat, aber ein di Lasso, wie
man ihn gerne hört: absolut stilsicher, durchsichtig und mit
spielerischer Eleganz interpretiert.
Stringent gestalteten die Sänger die Motette und Messe "Osculetur
me osculo", formten, ganz wie es sein soll, mit triumphierendem
Osanna, berührend innigem Sanctus und dem sanft fließenden Agnus
Dei.
Lockerer in der Form der zweite Teil des Abends mit seiner - sehr
schön harmonierenden - Folge von Mariengesängen für
variierende Besetzungen. Doch auch hier setzten die Sänger unter Peter
Kooijs optisch etwas steif scheinenden, aber offensichtlich animierenden
Dirigat nur ganz selten auf extreme Effekte - mal ein sehr zartes Piano,
wenn in den Mariengesängen die süße Maria, die dulcis Virgo
Maria, besungen wird. Lieber konzentrierten sie sich darauf, die
Konstruktion dieser Musik klar herauszuarbeiten. Sehr schön
ließen sich die imitierenden Einsätze der Stimmen
nachvollziehen, die wechselnden Gliederungen der Stimmführung
verfolgen. Dabei überzeugten sie mit einer äußerst
gepflegten Gesangskultur: Die Balance zwischen den Stimmen war in jeder
Konstellation perfekt, der Gesamtklang direkt, aber doch weich, federleicht
und beweglich gingen den Sängern die längsten Melismen von den
Lippen. Ein inspirierendes Konzert.
Wibke Gerking
Strahlendes Gotteslob von mitreißender Schönheit
Großartige Aufführung des Weihnachtsoratoriums beim Kirchheimer Konzertwinter - Geistreich und aufmerksam musiziert
Rheinpfalz vom 11. Januar 2005
Das Publikum des Kirchheimer Konzertwinters ist mit Applaus nicht geizig.
Am Samstag aber bestand es geradezu darauf, die nach zwei Stunden
konzentrierten Musizierens zweifellos erschöpften Interpreten im
Chorraum der protestantischen Kirche festzuhalten, um ihnen lange und
nachhaltig Dank und Zustimmung zu zeigen.
Und das mit vollem Recht. Das noch junge Jahr wird es an der Unterhaardt
schwer haben, ein schöneres, klangprächtigeres, niveauvolleres
Konzert zu präsentieren. Das Vokalensemble "Sette Voci"
mit Gästen - insgesamt 13 Sänger und Sängerinnen, die im
Chor und wechselnd als Solisten vorzüglich sangen -, das
Barockensemble "De Profundis" und das Trompetenensemble Guy
Ferber - zusammen 21 Instrumentalisten -; hatten die erste, dritte,
fünfte und sechste Kantate aus Johann Sebastian Bachs 1734/35 erstmals
aufgeführtem Weihnachtsoratorium fulminant gesungen, gestrichen,
gezupft und geblasen. Unter der Leitung von Peter Kooij fanden sich die
Interpreten zu einer homogenen Leistung seltener Güte zusammen. Das
war schon rein physisch eine enorme Leistung, immerhin wurde zwei Stunden
ohne Pause musiziert.
Die Besetzungsgröße deutet es an: Die Kirchheimer
Aufführung war weit vom breiten, sinfonischen Klang alter
Karl-Richter-Referenzaufnahmen entfernt. Das Instrumentarium war histoisch,
der Pauker ließ Lederschlegel aufs straff gespannte Trommelfell
prasseln, die Trompeten schmetterten schlank und strahlend, zu den
Rezitativen begleitete sanft die Laute - das ergibt automatisch einen
schlanken Klang, der ein rascheres, fließenderes Musizieren nahelegt
und plausibel macht. Auch das Verhältnis der Vokalsolisten zur
Klangmasse des kleinen Chores war überzeugend. Zumindest in einem
relativ kleinen Raum wie der Kirchheimer Kirche kann es kaum eine bessere
Darstellungsart geben. Dazu kommt die Artikulation des Singens,
gleichmäßig in Chor und den wechselnden Solisten: Allesamt
sangen sie in einer Weise, die nahe an der natürlichen Sprachmelodie
bleibt, belebten den Vortrag durch unterschiedliche Gestaltung der
einzelnen Taktzeiten, so dass eine immerwährende Bewegung auch in den
kleinsten musikalischen Einheiten den Vortrag belebte.
Jede Stimme wichtig
Was soll man hervorheben? Natürlich den berühmten
Eröffnungschor: "Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage,
rühmet, was heute der Höchste getan". Volltönender,
dichter Wohlklang füllt die Kirche, Chor und Trompeten strahlen.
Frappierend ist dabei die große Transparenz, in der jede Stimme,
jedes Instrument wichtig wird. Deutlich greifen Trompeten, Holzbläser,
Streicher, Continuoorgel und Sänger musikalisch ineinander, werfen
einander die Bälle zu, die Proportionen stimmen. Dieses Jauchzen hat
nichts getragen Feierliches, es ist vielmehr gespannt, pulsiert,
drängt vorwärts, es verdeutlicht packend, dass Unerhörtes,
nämlich das Kommen Gottes in die Welt, angekündigt wird.
Dann das erste Rezitativ, der Evangelist berichtet rasch, die Laute
begleitet sanft. "Bereite dich, Zion": Wunderbar konzertieren
Oboe d´amore und Altus miteinander. "Großer Herr und
starker König": Herrlich federnd, rhythmisch drängend und
doch straff gebunden ist diese Bass-Arie, mit offener, klarer Stimme
vorgetragen. Blühend, klar und satt auch der Eingangschor der dritten
Kantate, schlicht und konzentriert die Choräle, wunderbar leicht und
differenziert die Stellen, in denen andere Stimmen in Choräle und
Rezitative hinein theologische Kommentare einschieben, etwa in "Wo ist
der neugeborene König der Jüden", wo das klare Singen des
Altus sich ins polyphone Chorgewebe flicht. Aufstörend, wenn auch nur
für einen Moment, die falschen, schrägen Töne, die die
Lügen des Herodes auch musikalisch entlarven.
Vieles verdiente, einzeln hervorgehoben zu werden. Nur einmal
verschlechterte sich die Streicher-Intonation während einer Kantate
so, dass es zu kleinen unschönen Reibungen kam, aber das ist der Preis
für die besondere Schönheit der Natursaiten.
Herrlich war dann der Schluss der sechsten Kantate mit langen, ganz
besonders lebendig vorgetragenen Tenorpartien und dem von Bach raffiniert
kombinierten Schlusschor, in dem über aller Schönheit die
entschiedene, klare Intensität der drei Trompeten leuchtete. Nein,
vier Weihnachtsoratoriumskantaten am Stück sind nicht eine zu viel -
jedenfalls nicht, wenn so konzentriert, geistreich, aufmerksam und
schön musiziert wird wie hier.
Wegen der großen Nachfrage im Vorverkauf gab es am Sonntagnachmittag
eine Wiederholung; der Reinerlös floss wohltätigen Zwecken
zu.
Roland Happersberger
Orlando di Lasso´s klaagzang indringend vertolkt
Sette Voci olv. Peter Kooij mmv. Theo Brandmüller (orgel). Programma: 'Lagrime di San Pietro' von Orlando di Lasso. Gehoord: zondag 25 juli, Grote of St. Bavokerk Haarlem.
Haarlems Dagblad vom 26.
Juli 2004
klassieke muziek - recensie
De 16de-eeuwse componist Orlando di Lasso moet een man met twee gezichten
zijn geweest. Humoristische liedjes schreef hij ein weelderige koorwerken,
maar ook vrome motetten en diep doodeefde geestelijke madrigalen. Zijn
Lagrime die San Pietro dat gisteren tijdens het Internationaal
Orgelfestival Haarlem tot klinken kwam, tot de tweede categorie.
Eenentwintig gedichten van de Italiaan Luigi Tansillo zijn geordend tot een
intens mini-drama waarin Petrus treurt om zijn verraad van Christus.
In een even rijk als expressief weefsel voegen de zeven stemmen zich
afwisselend samen in sonore akkoorden of gaan groepsgewijs hun eigen weg.
Daarbij bestrijkt de componist: een groot scala aan klankcombinaties. Maar
nergens staat een noot te veel.
Geen tijdgenoot besteedde zoveel aandacht aan de tekst als Orlando di
Lasso. Seeds voegt de frasering en het karakter van de muziek zich naar de
woorden. De uitgesproken tekstschilderingen van zin vroegere werk heeft de
componist hier niet meer nodig. Soms duiken ze nog even op: waar de
apostelen Christus verlaten, haasten de stenmen zich éé voor
één naar beneden, en als er sprake is vin een stroom van
tranen golven de zangpartijen over elkaai hen. Maar het is vooral de sfeer
van berouw en weemoed die Orlando di Lasso n een grote spanningsboog weet
te vangen. De Nederlandse bas Peter Kooij - die net als Lasso 450 jaar
geleden emplooi heeft gevonden in Duitsland - hecht evenveel belang aan
tekstexpressie. Als zanger maar, zo bleek, ook als dirigent. Hij kiest
rustige tempi waardoor het stemmenweefsel ondanks de galm van de St. Bavo
doorzichtig blijft en de tekst steeds verstaanbaar is.
Het recente door hem opgerichte vocaal ensemble Sette Voci, bestaande uit
zeven zangers uit verschillende Europese landen, heeft de Lagrime di San
Pietro als zijn lijfstuk. En dat is te horen. De totaalklank is
volmankt uitgebalanceerd. Telkens treden stemmen uit het geheel naar voren
om daar ook weer in terug te keren. En prachtig is het contrast tussen de
diepse bassen en de stralende sopranen met daartussenin de homogene klank
van de tenoren.
Op hun best zijn Orlando di Lasso en Sette Voci in het afsluitende motet
'Vide homo'. Daar wordt de melodie uitgesponnen als één
lange, steeds van kleur verschietende klankdraad.
De drie filmische orgelimprovisaties van Theo Brandmüller sneden als
scherpe rotspunten door Lasso´s indringende cyclus. Ingetogenheid
week er voot massieve klanklawines, welluidendheid voor oorverdovende
dissonanten, soberheid voor speelse plaagstootjes die door de verschillende
registers heen buitelden. Expressief en vindingrijk was Brandmüllers
spel wel, maar stilistisch viel het soms lelijk uit de toon.
Winand van de Kamp
Ausdrucksstark, mit edler Zurückhaltung: Die "Lagrime die San Pietro" von Orlando di Lasso
Große Spannkraft der melodischen Bögen
Donnerstag, 31. Juli 2003
Auf Einladung der Brixner Initiative Musik und Kirche trat das
Vokalensemble "Sette voci" im Brixner Dom und in der
Stiftskirche von Innichen mit einem ungewöhnlichen Werk vor das
Publikum: mit dem Zyklus geistlicher Madrigale, die sein
Schöpfer Orlando di Lasso unter dem Namen "Lagrime di San
Pietro" zusammenfasste. Dieses Werk beendet der Komponist nur
wenige Wochen vor seinem Tod. Es ist zugleich sein ausgedehntestes
Werk, das einen Blick in seine Seele tun lässt. Er widmete das
Werk Papst Clemens VIII. Orlando di Lasso war Hofkapellmeister der
bayerischen Herzöge Albrecht V. und Wilhelm V. in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts. Als ein "princeps
musicae" wurde er in ganz Europa anerkannt und gefeiert.
Die "Lagrime" sind der Ausdruck seines
selbstquälerischen Pessimismus. Der Text stammt aus einem
fragmentarischen Werk des Dichters Luigi Tansillo. Orlando hat die
Verse so ausgewählt, dass daraus ein kleines Drama entstand.
Die Madrigale samt der abschließenden lateinischen Motette
stellen Stadien der Reue des Petrus dar, der noch als alter Mann von
seiner Verleugnung des Herrn verfolgt wird.
Die Madrigale sind siebenstimmig, Stimmenanzahl, Kompositionsart,
die Wahl der Gattung haben symbolische Bedeutung. So deutet die Zahl
sieben auf die sieben Schmerzen Mariens hin. Die Zahl der
einundzwanzig Teile stellt ein Vielfaches von sieben dar. Die
Komponisten, und Orlando di Lasso war in dieser Technik ein Meister
voller Einfälle und Kreativität, versuchten den Text mit
Musik auszudeuten. Vieles vermochten ungeübte Ohren nicht zu
verstehen; man sprach daher von "musica riservata" - Musik
für Kenner.
In den "Lagrime di San Pietro" will Lasso seinen
Seelenschmerz, seine Schwermut, die Angst vor dem Tod nicht
hemmungslos hinausschreien, sondern mit edler Zurückhaltung
umso erschütternder mitteilen. Wer auf die Nuancen, dynamischen
Abstufungen, harmonischen Verbindungen, Wort- und Tonwiederholungen
hellhörig und feinfühlig zu achten versteht, wird den
Schmerz nachempfinden können.
Das Vokalensemble mit seinem Leiter Peter Kooij hat sich
gründlich in das Werk eingearbeitet, sodass die Ergriffenheit
der Sänger auf die Hörerschaft übersprang. Die
große Spannkraft, mit der sie die melodischen Bögen
zogen, war beeindruckend. Die dynamischen Differenzierungen
unterstrichen eindrucksvoll den Wortgehalt. So entstand ein
intensives, aber durchaus nicht plakatives Bild der von
Gewissensqualen geplagten Seele des Petrus und auch des großen
Orlando di Lasso.
Josef Oberhuber
Gefühlszustände differenziert hörbar gemacht
Rheinpfalz vom 21. Januar 2003
Solistenensemble "Sette Voci" beim Kirchheimer Konzertwinter mit Madrigalsammlung von Orlando di Lasso
Die Sammlung von 21 geistlichen Madrigalen "Lagrime di San
Pietro" ist eines der rätselhaftesten und schwierigsten Werke
Orlando di Lassos. Die in seinem Todesjahr 1594 vollendeten
"Reuetränen des Heiligen Petrus" gelten als Krönung
seines Lebenswerks, als sein "summum opus" und als Gipfelwerk der
Renaissancemusik, das alles bisher Geschriebene übertraf. Der
Textdichter des Werks, Luigi Tonsillo, war wegen seiner erotischen
Freizügigkeit von der Inquisition auf den Index gesetzt worden. Zur
Buße beschrieb er deshalb die Todesängste, die Petrus nach der
Leugnung Christi befallen hatten.
Dass die Aufführung dieses gewaltigen Werks zum Höhepunkt des
diesjährigen Kirchheimer Konzertwinters geriet, dafür stand das
Vokalsolistenensemble "Sette Voci" unter der Leitung des
niederländischen Baritons Peter Kooij, der zurzeit auch durch seine
Einspielungen Bachscher Vokalwerke Aufsehen erregt.
Lassos Zeit und die sie beherrschende Gedankenwelt ist uns heute fremd. Das
Problem, das sich bei der Interpretation dieses Lieblingsstücks vieler
Alte-Musik-Ensembles stellt, heißt schlicht und einfach: Lässt
sich das in der Musik des 16. Jahrhunderts ausgedrückte Empfinden und
Fühlen einem heutigen Hörer noch vermitteln? Wirkt solch ein
Großwerk um einen einzigen Themenkreis, das Menschen einst tief
bewegen konnte, heute nicht einfach kalt, trocken analytisch,
schlimmstenfalls langweilig? Nicht zuletzt, weil Angaben über
Ausdruckshaltungen, Lautstärken und Artikulation in den alten
Chorbüchern fehlen?
Doch Kooij und seinen "Sieben Stimmen" gelang es nach einer
anfänglichen Orientierungsphase im Verlauf ihrer Darstellung recht
überzeugend, über das nur korrekte Buchstabieren der Noten hinaus
den Zyklus auf hohem technischen und gestalterischen Niveau zu tragen, zu
gliedern und zu differenzieren. Mit perfekter Intonation (aber leicht
verwaschen klingender Diktion) verfuhr das Ensemble überaus sicher mit
all den musikalischen Darstellungstechniken, die Lasso hier einsetzt. Die
Zahlenmystik des Drei-mal-Sieben ist umgesetzt in kompakte
Siebenstimmigkeit, in Gegenüberstellung von Hoch- und Tiefchor,
Homophonie, Polyphonie, Tonmalerei, Dur-, Moll- und chromatischer Harmonik.
In langem Atem erschienen die chorischen Kombinationen kontrastiert und die
polyphonen Bögen verflochten.
Entscheidend war jedoch, wie die Veranschaulichung der
Gefühlszustände gelang. Da wurden einzelne Worte wie eine
Überschrift in vollem Tuttisatz herausgestellt, rhythmische Impulse,
Betonungen einzelner Worte trugen zur Lebendigkeit bei. Da erklang der eine
Satz in raschem Tempo, der andere wieder straff deklamiert, der
nächste lyrisch weich abgetönt. Lebendige Emotionalität fand
sich besonders bei den Stellen, an denen sich die Augen Christi mit denen
seines Verräters Petrus trafen. Berührend wirkte die versunkene
Stimmung jener ton- und wortmalerischen Sätze, die beispielsweise (Nr.
10) die Natur in Form der schmelzenden Schneeflocken mit einbeziehen, um
den Tränenfluss Petri zu verdeutlichen.
Im letzten Drittel des Zyklus, wenn verzweifelte Todesgedanken in den
Vordergrund rücken, nahm auch die Dramatik zu. Hier faszinierten die
Stellen, an denen Petrus Rechenschaft über sein Versagen ablegt, durch
ihre Ausdruckstiefe, nicht minder sein Gedenken der erlebten Wundertaten
Christi, bei denen musikalisch geschildert wird, wie Lahme gehen, Stumme
wieder reden und Blinde wieder sehen. Sehr wohl vermerkte man dabei die
eingesetzten Errungenschaften historisierender Aufführungspraktiken.
Das absolut vibratofreie, schnörkellos klar konturierte Timbre der
Sopranistinnen Kristine Jaunalskne und Ulrike Hofbauer gehörte dazu,
wogegen einer der drei Tenöre (Beat Duddeck, Robert Buckland, Koen van
Stade) streckenweise doch unangemessen laut einer ausgewogenen Stimmbalance
im Wege stand, zu der die Bassisten Dominik Wörner und Willi
Schwinghammer sonor ihr Fundament legten.
Ein bewegendes, auch den heutigen Hörer recht beeindruckendes
Tondokument hatten die "Sette Voci" hier erarbeitet, dem kaum
noch ein Rest an Antiquiertheit und Ferne anhaftete. In Lassos Musik gibt
es immer noch sehr viel zu entdecken.
Edgar Stadtler
Zu edlem Klang geronnene Tränen
Das Vokalensemble "Sette Voci" sang unter der Leitung von Peter Kooij
"Lagrime di San Pietro" von Orlando di Lasso
Badische Neueste Nachrichten vom 21. Januar 2003
Es zählt zu den größten und eindruckvollsten Werken der
Renaissance: Orlando di Lassos "Lagrime di San Pietro". Das
Ensemble Sette Voci unter der Leitung von Peter Kooij brachte dieses selten
aufgeführte Stück in der Christuskirche zum Klingen: Durchweg
siebenstimmig und a cappella komponiert, wird in den
"Bußtränen des heiligen Petrus" die
frankoflämische Musik zu einem ihrer Höhepunkte
geführt.
Lasso schrieb das Werk unmittelbar vor seinem Tod im Jahr 1594. In seinen
letzten Jahren war er Hofkapellmeister in München, doch durch seine
vielen Reisen durch Europa vermischten sich in seiner Musik die Stile:
Lasso verließ die Tradition strengster Satzregeln, beispielsweise
eines Palestrina, er bevorzugte die klangliche Wirkung auch für die
kirchlichen Werke wie Motetten oder Messen. Besonders in den "Lagrime
di San Pietro" fällt Lassos weit entwickelte, chromatisch
orientierte Harmonik auf: So entsteht eine musikalische Abbildung des
Büßers Petrus, der seinen Herrn dreimal verleugnet hatte und
daraufhin von großem Schmerz und Reue geplagt wurde. Der Komponist
stützt sich dabei auf den italienischen Text von Luigi Tansillo, der
die Verzweiflung und den Lebensüberdruss Petrus´ hervorhebt. In
Letzterem liegt die Paralelle zu Lasso: Unter die Widmung an Papst Clemens
VIII. schrieb der Komponist "zu eigener Andacht in nunmehr lastendem
Alter".
Das Ensemble "Sette Voci", bestehend aus Sängerinnen und
Sängern aus den Niederlanden, England, Deutschland, Lettland und der
Schweiz, meisterte den Schwanengesang Lassos mit ergreifender
Interpretation: perfekte Intonation, Ausgewogenheit der sieben Stimmen,
bestimmte und doch nicht überbetonte Chromatik prägten die
Aufführung.
In den 20 siebenstimmig gesetzten Madrigalen und der abschließenden
lateinischen Motette entfaltete das Ensemble die Geschichte um das Leiden
vom heiligen Petrus. Über den weichen, runden Bässen von Dominik
Wörner und Willi Schwinghammer leuchteten die Stimmen der beiden
Sopranistinnen: Kristine Jaunalksne und Ulrike Hofbauer ergänzten sich
hervorragend und brachten etwas Silbriges, Helles in den Gesamtklang ein,
das immer wieder die Läuterung Petrus´ in seinem Leiden
darstellte. Die drei Mittelstimmen der Tenöre Andreas Weller, Robert
Buckland und Koen van Stade fügten sich harmonisch ein.
Überhaupt bewiesen die sieben Sängerinnen und Sänger, die
alle auch als Solisten tätig sind, ein auffallendes Gespür
für das richtige Maß und die feine Nuancierung der chromatisch
verwobenen Stimmen. Leiter Peter Kooij und das Ensemble wirkten ganz
einheitlich, da gab es keinerlei Unstimmigkeiten. Die sensible Umsetzung
des musikalisch und textlich tiefschürfenden Werkes ergriff die
Zuhörer in der Christuskirche. Das über vierhundert Jahre alte
Werk von Orlando di Lasso gestalteten die Sette Voci mit einer
Unmittelbarkeit, die es als zeitlos, nah und zutiefst menschlich erstrahlen
ließ.
Sonja Zieger